Tänzerische Annäherungen an das Thema Tod

Der Tod in unserer Zeit

  Schülerinnen des Rats´ und des Hospizkreises arbeiten zusammen

 Aufführungen:
  Samstag, 9.10.2004, 20 Uhr, Marienkirche
  Samstag, 20.11.2004, 20 Uhr, Marienkirche

Eintritt frei


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MT-Vorbericht

MT-Bericht von der Aufführung am 9.10.2004


 

Vorbericht vom MT

Für das Folgende: Quelle: http://www.mt-online.de/minden/t00140670.htm

Stimmung, Farben, Haltung und Musik: Alles muss passen – auch die Kostüme. In jeder Probe wird geübt, verändert, verbessert.
MT-Fotos: Manfred Otto
Kostümprobe: Die Schülerinnen des Tanzprojekts Ratsgymnasium bereiten sich ausführlich auf ihre Vorstellung vor.
MT-Fotos: Manfred Otto

Das Tanzprojekt zeigt einen Bilderzyklus in Text, Tanz und Musik

Von Monika Jäger

Minden (mt). Was ist der Tod? Wie sieht er aus, wie hört er sich an? Die jüngste Arbeit des Tanzprojektes Ratsgymnasium setzt sich mit einem großen Thema auseinander.

Im Kulturprojekt Hospiz“ arbeiten Schule, Kirche, Kunst und Hospizkreis zusammen. Zweimal – am morgigen Samstag, 9. Oktober, und Samstag, 20. November, präsentieren diese ihre Annäherungen an das Thema.

Die Bilder eines sterbenden Bäckers - oft in der Vorbereitung für Helfer in der Hospizarbeit verwendet - dienten im Unterricht für die Schülerinnen des Tanzprojekts der Annäherung an das Thema. Der Zyklus zeigt die verschiedenen inneren Haltungen eines Menschen zu seinem Tod – Phasen des Sterbens.

Die Unterrichtsgespräche dazu gingen sehr tief. Es wurden sehr persönliche Ängste angesprochen“, sagt Stephanie Kwoll, Schülerin im Tanzprojekt. Meike Fischer: Das war erst schwierig. Bisher war Tanz für uns immer Spaß, Fröhlichkeit. Wir wussten erst nicht, wie wir da rangehen sollten - wie wir den angemessenen Ernst zeigen, den Toten Respekt zukommen lassen konnten.“ Dürfte man beispielsweise einfach die ausdrucksstarken Bilder des Herrn B. verwenden, sie im Tanz verändern?

Doch dann, bei der Diskussion der Bilder in Gruppen, änderte sich die Fragestellung, schildert Stephanie Kwoll. Was wollen die Zuschauer von uns? Sind wir denen nicht vielleicht peinlich, finden sie uns anmaßend? Denken die, dass wir gar keine richtige Erfahrung mit Tod haben?“

Unterstützung bei all diesen Fragen gab es durch Marienpfarrer Frieder Küppers, der für einige Unterrichtsstunden in die Klasse kam – und durch Anne Buchalle und Cordula Küppers, die Lehrerinnen, die mit dem Kursus das Thema inhaltlich, persönlich und tänzerisch aufarbeiten.

Besonders beeindruckt war Cordula Küppers von der Meinung einer jungen Frau, die sagte: Ich habe noch nie Tod erlebt. Ich verspreche mir von diesem Projekt, mich ein Stück weit damit gedanklich auseinander zu setzen.“

Auch für die Mädchen war es ein besonderes Erlebnis, auch an den anderen ganz neue Seiten kennen zu lernen. Da entdeckt man etwas an Leuten, die man schon sein Leben lang kennt“, sagt Meike Fischer. Tod ist ja immer noch ein Tabuthema, aber wir haben gelernt, dass er nicht nur was Negatives ist“, sagt Kwoll.

Anne Buchalle ist begeistert von der Intensität, mit der die Schülerinnen sich in die Umsetzung der Bilder des Hern B. in Schritte und Figuren auf der Bühne gestürzt haben. Sie haben gearbeitet und gearbeitet - ohne Bewusstsein für Zeit und Raum“, sagt sie Die Arbeitsstunden waren gefüllt mit Ideen.“

Auch die richtige Musik zu finden, war ein wichtiges Thema für die Schülerinnen. Eine durchgehende Musik ist nun gewählt worden, die zumindest eine Gruppe jedoch mit eigenen Kompositionen ergänzen wird.

Die Bewegungen zu den Bildern des Herrn B. sind jedoch nicht die einzige Annäherung der Schülerinnen an das Thema Tod. Sie werden auch tanzen, wenn die Marienkantorei am 20. November Hugo Distlers Totentanz“ singt. An diesem Tag werden in der Marienkirche auch besondere Arbeiten des Leistungskurses 13 Kunst zu sehen ein. Gegenstände und Symbole des Todes und der Vergänglichkeit werden dargestellt: Wir zeigen Symbole für Tod, haben uns viele Gedanken gemacht, was anschaulich ist und was nicht“, sagt Tina Krüger. Ihre Lehrerin Gabriele Schlüter-Boström hat das auf absolute Einfachheit heruntergeführt: Ein Nagel, eine Dorne, ein Stück Holz. Symbole der Kreuzigung und Symbole des Todes im irdischen Sinne ergänzen einander. Jede der 18 Arbeiten wird 70 mal 90 Zentimeter groß sein - alles zusammen ergibt ein Wandbild, das 2,10 mal 4,10 Meter Fläche bedecken wird.

Auch der Elfer-Kunstkurs ist bereits für das Kulturprojekt Hospiz an der Arbeit. Wenn am 20. November Distlers Totentanz“ aufgeführt wird, dann wird es Symbole für jeden Menschen geben, den der Tod holt. Diese gestaltet der Kurs in Styropor.

Die beiden Sport-Lehrerinnen sind immer noch erstaunt und begeistert, wie sie viele Initiativen sich scheinbar von selbst miteinander verknüpft haben. Auch dass der renommierte Künstler Jörg Boström einige seiner Werke in der Marienkirche ausstellen wird, ist für sie mehr als ein glückliches Zusammentreffen. Das alles verknüpft sich“, sagt Küppers.

Tänzerische Annäherungen an das Thema Tod (08.10.2004)
Der Tod in unserer Zeit“: Schülerinnen des Rats“ und Hospizkreis arbeiten zusammen / Vorstellung am Samstag

Entstanden ist so ein umfangreiches Programm, das an zwei Tagen in der Marienkirche zu erleben ist.

Auftakt: 9.10.2004, 20 Uhr

Projekttermine

Im Kulturprojekt Hospiz“ arbeiten Schule, Kirche, Kunst und Hospizkreis zusammen. Zweimal – am Samstag, 9. Oktober, und Samstag, 20. November, präsentieren diese ihre Annäherungen an das Thema.

Kirche: In der Marienkirche präsentiert der Kammerchor St. Marien (unter Leitung von Manuel Dohrmann) Hugo Distlers Totentanz“: Samstag, 20. November, 20 Uhr.

Kunst: In der Marienkirche präsentiert Jörg Böstrom seine Bilderserie Schatten der Erinnerung“: Samstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, bis zum 20. November.

Hospiz: Zum Hospiztag am Samstag, 9. November gibt es von 10 bis 14 Uhr einen Informationsstand des Hospizkreises am Poos. Dort wird es neben allgemeinen Informationen zur Hospizarbeit auch Interviews mit Hospizhelfern, Trauernden und über die Patientenverfügung mit Rechtsanwalt Wolfgang Lange geben. Außerdem wird sich ein Clown-Paar spielerisch mit diesem Thema auseinandersetzen. Abends abends ab 19.30 Uhr gibt es in der Marienkirche Lyrik und Musik zu Sterben und Tod mit Joachim Lakatsch.

Schule: Der Kunst-Leistungskurs Jahrgangsstufe 13 des Ratsgymnasiums zeigt Vanitas - Bildkollage zu Attributen des Todes“ : 20. November, 20 Uhr, Marienkirche.

Das Tanzprojekt zeigt einen Bilderzyklus in Text, Tanz und Musik“ (Samstag, 9. Oktober, 19.30 Uhr, Marienkirche) und tanzt Distlers Totentanz“ (20. November, 20 Uhr, Marienkirche).

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08.10.2004 
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MT-Bericht von der Aufführung am 9.10.2004

Selten so lange Stille in der Marienkirche

Offizieller Auftakt zum Kulturprojekt Hospiz“ / Tanzaufführung des Ratsgymnasiums / Ausstellung von Jörg Boström

Wirkungsvolle Dramaturgie: Das Tanzprojekt des Ratsgymnasiums wirkte beim Auftakt des Kulturprojekts Hospiz“ in der Marienkirche mit. Foto: Große

Von Jens Große

Das Kulturprojekt Hospiz“ ist am Samstag offiziell eröffnet worden. Im Mittelpunkt stand die Bilderserie des Künstlers Jörg Boström und die Tanzaufführung des Ratsgymnasiums.

Es ist still, absolut still – und das bei rund 200 Zuhörern. Eigentlich noch nicht mal etwas so Außergewöhnliches für eine kulturelle Präsentation in einer Kirche, doch in diesem Fall ist die Dauer der Stille mehr als beeindruckend. Das hat es in St. Marien noch nicht gegeben. Fast fünf, sechs Minuten nachdem die Scheinwerfer erloschen sind, passiert überhaupt nichts, ehe Pfarrer Frieder Küppers durch eine kurze Ansprache den langen Moment der Ruhe auflöst. Es scheint fast so, als ob er vielen Anwesenden damit hilft, denn die Bilder in den Köpfen, die das Tanzprojekt des Ratsgymnasiums gerade hinterließ, lassen sich nicht sofort verwischen. Die tänzerische Dramaturgie mit Blick auf den bewusst gewählten Hospiz- Gedanken zeigt Wirkung.

Großartige Gemälde aus letzten Lebenswochen

Besonders die per digitaler Technik großflächig projizierten Bilder eines Mannes, der erst in seinen letzten elf Lebenswochen malte, sorgen im Wechsel mit Lichtspielen, Ansagen und Musik für eine besondere Atmosphäre. Die jungen Tänzerinnen erscheinen immer wieder aus dem Dunkel, bewegen sich kurz im Scheinwerferlicht und verlassen das Helle auch schon wieder. Der Gitarrist zeigt viel musikalisches Einfühlungsvermögen, die textliche Ansagen sind nicht überladen, einfach verständlich. Auch ohne Applaus, der angesichts der Thematik die finale Stille sicherlich unglücklich gestört hätte, sind alle Zuhörer ob des künstlerischen Gesamtkonzepts bewegt – tief bewegt.

In seiner Ansprache hatte Helmut Dörmann, Koordinator des Hospizkreises, die Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit dem Tod beschrieben. In den Medien gehört der Tod zum alltäglichen Bild, das uns eigentlich kaum noch berührt“, sagte Dörmann, der darauf hinwies, dass sich diese Begegnung mit dem Ableben bei persönlicher Betroffenheit meistens schlagartig ändert. Wenn der Tod vor dem eigenen Haus steht, sind wir doch in der Regel erstmal betroffen, geschockt, sprachlos.“ Oder anders ausgedrückt: Viele Menschen seien mit der Situation überfordert – einfach hilflos. Und genau da setzt die Hospizarbeit an: Die geschulten Mitarbeiter unterstützen Sterbende und ihre Angehörigen in der letzten Lebensphase. Dörmann: Wir wollen den Tod aus der gesellschaftlichen Tabuzone befreien.“

Keine Kopien frei von Widersprüchen

Im Anschluss an die Tanzvorführung unter der Leitung von Cordula Küppers und Anne Buchalle wurde die Bilderserie des Künstlers Jörg Boström eröffnet. Seine Motive sind in drei Themenkomplexe gegliedert: Schatten der Erinnerung – Eltern – Adam ist tot. Der emeritierte Professor für Intermedia/Fotografie an der FH Bielefeld hat bisher noch nie in einer Kirche ausgestellt. Boström: Ich entwickele Erinnerungsbilder“, was Pfarrer Küppers zur Ausstellungseröffnung umschrieb: Nicht widerspruchsfreie Kopien vergangener Gegenwart, sondern Hinweise auf die Widersprüchlichkeit noch gegenwärtiger Vergangenheit sind die Ergebnisse seiner Werke.“

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11.10.2004
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