23. September 2005, "Orgel trifft Tanz”

Text: Copyright © Mindener Tageblatt 2005

Von Carola Mackenbrock

"Pas de deux" mit der Orgel
Begegnung von Ulrike Rademann und Manuel Doormann in St. Marien

Minden (cam). Einen weiteren kulturellen Leckerbissen servierte am Freitagabend anlässlich seines 475. Jubiläums das Mindener Ratsgymnasium dem Publikum. Unter dem Motto "Orgel trifft Tanz” spielte Kantor Manuel Doormann in der Marienkirche die Orgel und die mit mehreren Ballett-Preisen ausgezeichnete Berufstänzerin Friederike Rademann aus Dresden tanzte dazu.



Musikalisch bot der Abend die Pièce d‘orgue, das Praeludium C-Dur BWV 547, das Praeludium und die Fuge b-Moll aus dem "Wohltemperierten Clavier” sowie eine Auswahl an Chorälen von Johann Sebastian Bach. Darüber hinaus waren als modernere Stücke zu hören die Tanztoccata von Anton Heillner und drei Teile aus den "12 Charakterstücken” von Josef G. Rheinberger.

Tänzerisch bot der Abend sowohl eigene Choreographien Rademanns als auch eine Choreographie, die sie von Marianne Vogelsang übernommen hat. Darüber hinaus gehörte zum Programm ein sehr gelungener Auftritt von 14 Schülerinnen des Tanzprojekts Ratsgymnasium. Deren tänzerische Umsetzung von Bachs "Meine Seele erhebet den Herren” war Anfang September während einer Projektwoche unter der Leitung von Friederike Rademann erarbeitet worden.

Bereits seit 1987 arbeitet Rademann, die ihre Ausbildung zur Tänzerin an der berühmten Gret-Palucca-Schule absolviert hat und mehrere Jahre lang Solotänzerin an der Dresdener Staatsoper war, immer wieder mit Organisten zusammen. Die Orgel sei "einfach ein tolles Instrument”, sagt sie, und außerdem liebe sie es, in Kirchenräumen zu tanzen.

Diese Begeisterung für die Kombination aus Orgelmusik, Kirchenraum und modernem Tanz dürften nach dem Abend in der Marienkirche große Teile des Publikums teilen. Denn in der Tat liegt ein ganz besonderer Reiz schon allein darin, dass ein einzelner kleiner Mensch einem so mächtigen Instrument gegenüber steht. Friederike Rademann und Manuel Doormann führten auf eindrucksvolle Weise vor Augen, dass trotz dieses "Ungleichgewichts” etwas ganz und gar Harmonisches entstehen kann, zeigten gewissermaßen einen ausdrucksstarken "Pas de deux” nicht zwischen Tänzerin und Tänzer, sondern zwischen Tanz und Orgel.

Dass bei einem solchen Projekt nicht zuletzt auch der Kirchenraum eine zentrale Rolle spielt, wurde insbesondere bei einem der "Charakterstücke” deutlich. Rademanns choreographische Gestaltung von Rheinbergers "Klage” hätte in dieser Form zweifellos auch auf eine Opernbühne gepasst, dort aber komplett anders gewirkt. Denn anders als auf einer herkömmlichen Bühne scheinen in einem Kirchenraum Klage und Leid von Anfang an umhüllt und relativiert zu sein von der sakralen Atmosphäre - Trost, Schutz und die letztliche Überwindung des Schmerzes scheinen von vornherein gewiss.