Gemeinschaft bietet dem Schicksal die Stirn
1. Community Dance Project begeistert mit "Carmina Burana" das Publikum in der Kampa-Halle / Der Weg war das Ziel

Minden (mt). Beeindruckend. Atemberaubend. Fantastisch - die Zuschauer suchten nach immer neuen Superlativen für die Aufführung des 1. Community Dance Projects in der Kampa-Halle. Kurz nachdem die letzten Klänge von Carl Orffs wuchtigem Werk "Carmina Burana" verstummt waren, brandete ein nicht enden wollender Applaus auf.

Von Sonja Töbing (copyright mt 2008)

Monatelang hatten die Schülerinnen und Schüler aus neun Mindener Schulen geprobt. Mittendrin Choreograph Miguel-Angel Zermeno, der sich mit unglaublich viel Geduld und Leidenschaft jeder einzelnen Gruppe widmete, die Möglichkeiten und Grenzen der Kinder und Jugendlichen erforschte, um dann am Ende aus vielen kleinen Puzzleteilchen ein imposantes Gesamtwerk zu schaffen. Kaum erklangen am Sonntagnachmittag die ersten Klänge von "Fortuna Imperatrix Mundi", war das Publikum gefesselt. Fortuna, die Herrscherin der Welt, erschien, dargestellt von zwei älteren Schülerinnen.

Die eine, in jungfräulichem Weiß gekleidet und mit dem symbolischen Füllhorn ausgestattet, steht im Kontrast zu ihrem in bedrohlichem Schwarz gewandeten Pendant, das die Peitsche schwingt und die Menschen knechtet. Die Chöre der St. Mariengemeinde und das Junge Philharmonische Orchester Niedersachsen unter der Leitung von Manuel Doormann brachten den Wechsel von Resignation über Verzweiflung bis hin zur Auflehnung stimmlich und musikalisch perfekt zum Ausdruck, während sich die in verschiedenen Farben gekleideten Schülergruppen ihrem Schicksal scheinbar beugen.

Die nächsten Bilder sind farbenfroher und frei von der düsteren Dramatik des Auftakts. Die jungen Tänzerinnen und Tänzer sind ständig in Bewegung, schwingen ihre Arme - ihre Leichtigkeit versinnbildlicht das Thema der Bilder, denn hier wird der Frühling besungen, der den Winter besiegt hat.

Gelb angemalte Hände, die sich wie Schlangen nach oben winden, um sich dann wie eine Blüte zu öffnen, Schülerinnen, die munter wie Vögel durch die Halle zu schweben scheinen - die von Miguel-Angel Zermeno erschaffenen Szenen bedürfen kaum einer Erklärung. Inmitten dieses sanften Erwachens tritt auch zum ersten Mal Bariton Achim Hoffmann auf, der wie seine beiden Kollegen Ania Wegrzyn (Sopran) und Yoomki Baek (Tenor) extra für das Mindener Community Dance Project angereist war.
Alle Beteiligten bilden eine untrennbare Einheit

Professionelle Opernsänger, ein erfahrenes Orchester - unter anderen Umständen hätten diese Faktoren dazu beigetragen, dass die eigentlichen Hauptdarsteller, nämlich die Schüler, zu Randfiguren degradiert werden. Doch nicht am Sonntag. Fast schien es so, als seien Chöre, Musiker, Sänger und Tänzer schon immer eine untrennbare Einheit gewesen - so perfekt, so harmonisch war das Zusammenspiel zwischen allen Beteiligten.

Akrobatische Einlagen, grazile Tänzerinnen mit weißen Tüchern, Pantomime und kleine Amorinen, die das Liebespaar, dargestellt von Achim Hoffmann und Ania Wegrzyn, vereinen - "Carmina Burana" war selten so lebendig, überraschend, farbenprächtig. Und über allem war die Begeisterung der jungen Tänzer spürbar, sie trug das Stück von Bild zu Bild auf das Finale zu.

Hier tritt noch einmal Fortuna in Erscheinung, schüttet das Füllhorn aus, schwingt die Peitsche, versucht zu zeigen, wer die Macht hat. Doch die Herrscherin der Welt hat bei den Mindener Schülern keine Chance. Die Gemeinsamkeit macht sie zu einer mächtigen Masse, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt und dem Schicksal, wie auch immer geartet, die Stirn bietet.

Der donnernde Applaus galt allen Beteiligten gleichermaßen. Stehende Ovationen für den Choerographen, viel Lob für die künstlerischen Leiterinnen Cordula Küppers und Anne Buchalle und ein herzliches Dankeschön an die mitwirkenden Chöre, Musiker und Solisten waren der schönste Beweis für den Erfolg der Aufführung.

Für die Jungen und Mädchen, die monatelang auf diesen Moment hingearbeitet hatten, die sogar in den Sommerferien lieber probten als ins Schwimmbad zu fahren, war jedoch der Weg das Ziel.

Viel wichtiger als jeder Applaus ist die Gemeinschaft, die sie während des Projekts erfahren durften. Sie haben nicht nur Tanzschritte gelernt, sondern vor allem Toleranz und Teamarbeit. Und so mancher hat Freundschaften geschlossen, die auch über das Projekt hinaus Bestand haben werden.